Bad Dürkheim: Mit Nazi-Pferden vergaloppiert?

Nazipferde
Erstveröffentlicht: 
28.05.2015

Hintergrund: Bad Dürkheim rauscht durch den bundesweiten Blätterwald, gedruckt wie digital. Wobei die Stadt auf derartige Aufmerksamkeit aufgrund sensationeller Funde verschollener Nazikunst sicher hätte verzichten können. Wer aber ist der Mann, der ihr das eingebrockt hat? Der Versuch einer Annäherung über Fragmente.

 

Von Peter Spengler

 

Rainer Willi Wolf wird am 2. Oktober 1941 geboren. Acht Jahre nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Und vier Jahre vor deren Untergang, samt ihrem Dritten Reich, das tausend Jahre hätte dauern sollen. Der Junge hat ein halbes Jahr zuvor gerade mal seinen dritten Geburtstag gefeiert. Den „Führer“ nimmt er kaum mehr bewusst zur Kenntnis. Aber er wird einen Großteil seines – wirtschaftlich überaus erfolgreichen – Lebens damit verbringen, sich dem Sammeln von Devotionalien hinzugeben, die dessen intellektueller Kleingeist in grausiger Allianz mit Größenwahn an Macht, Kult und falschem Mythos hervorgebracht hat. An Insignien und Ikonen, Reliquien und Requisiten nicht nur an selbstdefinierter Kunst und Kultur, sondern auch an einfachen (Gebrauchs-)Gegenständen und profanem Kriegs- und Kampfgerät. Wie etwa jenes Kettenfahrzeug mit Bordkanone, mit dem er öffentlich durch die Bruchstraße brummt und Kinder je nach Alter in Schrecken oder Staunen versetzt. Ein Stück weit färbt aber wohl auch Hitlers braune Gesinnung ab.

Wie viele einzelne Teile die Sammlung in ihrer größten Dimension jemals hatte, weiß außer Wolf selbst wohl niemand. Ein ehemaliger Firmenangestellter erzählt uns, dass er öfters im Auftrag seines Dienstherrn nach Düsseldorf zur Familie Prof. A. B. hatte fahren müssen, um zum Beispiel Bronzestatuen oder Adlerfiguren zu holen, auch riesige Bilder aus Aachen. A. B. ist Arno Breker, Hitlers Lieblingsbildhauer, der auch die Großplastiken „Der Künder“ und „Berufung“ gegossen hat. Die finden sich am vergangenen Mittwoch bei bundesweiten Durchsuchungen diverser Immobilien von sieben Privatleuten, die die Berliner Staatsanwaltschaft der Hehlerei verdächtigt, in zwei Hallen sowie auf Freigelände im Gewerbegebiet Bruch. Eine hat Rainer Wolf seit geraumer Zeit angemietet, die andere gehört laut Ermittlungsbehörde einem seiner Söhne. Auf ihn wurden die Ermittlungen deshalb am Freitag ausgeweitet (wir berichteten).

 

Ob der heute 73-Jährige mit den Überbleibseln der Nazi-Zeit auch handelte oder zumindest andere Brüder im Geiste damit versorgte, kann zu einer entscheidenden Frage werden. „Der Spiegel“, der in seiner aktuellen Ausgabe auf sechs (!) kompletten Seiten die Geschichte vom Wiederauftauchen der seit mehr als 25 Jahren verschollenen Werke ausbreitet, die er nach eigener Aussage seit Monaten recherchiert hat, spricht sowohl von Sammler wie auch von Vermittler und Verkäufer. Und zitiert einen „14-seitigen Prospekt“, in dem unter anderem die beiden Bronzepferde zu sehen sind, die vergangene Woche in großer Inszenierung für Medien und Publikum im Bruch abtransportiert worden sind.

 

Zumindest die beiden überlebensgroßen „Schreitenden Pferde“ habe Wolf zuletzt verscherbeln wollen. Behauptet die „Kunst-Kripo“ in Berlin – das habe sie ja erst auf die Fährte der gesuchten Rösser gebracht. Der Anwalt Wolfs widerspricht: „Die Kunstgegenstände wurden nicht, wie behauptet, aktiv angeboten.“ Geschaffen vom Bildhauer Josef Thorak, zierten die Tierstatuen einst die Terrasse vor Hitlers Arbeitszimmer in der Berliner Reichskanzlei. Über Umwege kamen sie nach Bad Dürkheim – wie lange genau sie hier vor Ort schon ihr verstecktes Dasein fristeten, zuletzt unter einer dunklen Plane in einer tristen Werkstatthalle, weiß vermutlich nur die Familie.

Wer aber weiß etwas über die Familie, über deren Oberhaupt? Woher rührt die Affinität für Arisches, für NS-Nachlass? Schon als Rainer Wolf Firmenchef im Bruch war, wird über eine „nazistische“ Veranlagung gemunkelt, derweil man ihn nur selten zu Gesicht bekam. Der eine oder andere Nachbar, Anwohner im Bruch, seine Belegschaft, klar, einige wenige Bekannte. Im Leben der Stadt macht er sich rar, sein Privatanwesen ist abgeschottet wie eine Trutzburg. Eine Zeit lang hat es eine Männerclique gegeben, die einmal im Jahr zusammen segeln ging. Da haben auch zwei honorige SPD-Stadträte mit ihm an einem Tau gezogen. Andere Stadträte dagegen, teils seit 1979, haben Wolf nie persönlich kennengelernt, genau wie der Verfasser, der seit 1978 für den hiesigen Lokalteil schreibt. Rainer Wolf ist derzeit sicher der bekannteste Unbekannte in Bad Dürkheim.

 

Wer mit dem Unternehmer Umgang oder langjährigen Kontakt hat(te), sagt kaum Negatives über ihn. Er gilt zwar als Machtmensch, seine Leute in der Firma hatten stets Mores vor ihm, auch Nachbarn im Bruch halten sich merklich zurück, weniger aus Rücksichtnahme in der jetzigen Situation denn aus Scheu. Im kleinen Kreis wird Wolf als umgänglich und ohne Allüren beschrieben, Geschäftspartner nennen ihn korrekt oder was die Pfälzer unter einem „anständigen Mensch“ verstehen.

 

Sein „Nazi-Spleen“ ist vielen bekannt, denen allen unverständlich, aber öffentlich fällt er diesbezüglich nie auf. Schon gar nicht ist er jemals parteipolitisch in Erscheinung getreten, auch nicht als Sympathisant oder Unterstützer des rechten Spektrums. Wenn er jemanden gesponsert hat, dann ist das nur pressebekannt vom Belzenickelturnier des Fördervereins für Jugendfußball unter Regie des SV 1911 oder vom Ludwigshafener Ruderverein, zu dem er erst im Erwachsenenalter stieß – nicht als Wettkampfsportler, sondern zur eigenen Fitness und Freizeitbeschäftigung. Auf LSV-Vereinsausflügen war er wie beim Segeln einer unter allen, so ist zu hören.

Dass das Elternhaus ihn mit der Nazitümelei infiziert haben könnte, darauf gibt es ebenfalls keinen Hinweis. Von seinem Vater Willy Wolf ist nur bekannt, dass er Leiter einer Testabteilung bei der BASF war, die geschlossen wurde, als Wolf senior in Ruhestand ging. Der Vater kaufte der BASF die Technik ab und gründete 1967 im Dürkheimer Gewerbegebiet seine eigene Firma. Da eben schon im Rentenalter, ging sie bald an den Sohn über, Ingenieur.

 

Der weitet sie bis Ende der 80er Jahre auf 1,5 Hektar Fläche und den personellen Höchststand von 300 Mitarbeitern aus, heute sind es laut Homepage etwa 170 Beschäftigte. Das Unternehmen versteht sich als Dienstleister für eine nationale Industriebranche, das die meisten deutschen (Spitzen-)Hersteller unter seinen Auftraggebern weiß.

Nur einmal wird sein „Faible“ zum Firmenproblem. Einmal, so machte es damals die Runde, muss Rainer Wolf doch etwas an braunen Gedanken abgesondert haben, was dem Konzernvorstand eines Kunden in die Finger kam – und der soll dem Firmenchef die Daumenschrauben angelegt haben. Zum Jahreswechsel 1993 jedenfalls zog sich Wolf völlig überraschend komplett aus dem operativen Geschäft zurück.

 

Die graue Eminenz im Hintergrund ist er weiterhin. Im Beirat der Firma ist er sogar weiterhin als Vorsitzender verzeichnet, seine beiden Söhne gehören dem dreiköpfigen Vorstand an. Unverrückbar scheint Rainer Wolf nach wie vor dem Familienimperium vorzustehen. Der Bundesanzeiger listet den Ruheständler Ende 2014 als Kopf einer Vermögensverwaltungsgesellschaft mit Sitz in Berlin auf, die Stand Ende 2013 an drei Technikfirmen beteiligt ist, neben der in Bad Dürkheim zwei in Berlin. Eine davon wird Anfang 2014 verkauft.

 

Die Metallbaufabrik J. Walter Söhne in Dudenhofen gehört nicht mehr zum Familienbesitz. Sie ist 2001 in Konkurs gegangen – bis heute macht man im Ort dafür damalige Erbstreitigkeiten verantwortlich. In mehr als 120 Jahren hatte die Fabrik Generationen von einheimischen Familien auf dem 1,8 Hektar großen Gelände im Herzen der Gemeinde Brot gegeben.

 

Rainer Wolf hatte irgendwann eine der beiden Enkelinnen des Firmengründers geheiratet. Damit traf nicht nur viel Geld auf viel Geld, sondern scheinbar auch die rechte Gesinnung aufeinander. Die Firma Walter war im letzten Jahrhundert als Ausrüster für die Feldtruppen zweimal Kriegsprofiteur – und stand entsprechend linientreu hinter den Machthabern. Von Dudenhofen aus trat nicht nur die von Walter patentierte Springform für die backende Hausfrau ihren Siegeszug rund um den Globus an. Die Firma erfand für Heerscharen von Soldaten von Kaiserheer über Wehrmacht bis zur Bundeswehr den „Henkelmann“, jenes in sich verschachtelte Essgeschirr, das als „Essekännel“ unter anderem auch Schüler, Schichtarbeiter und Winzersleut’ verköstigte.

 

Auch die Walters sind in Dudenhofen nicht als Parteibonzen der NSDAP oder späterer Nachfolger verschrien. Aber man spricht davon, dass sie wie Rainer Wolf wohl eine Schwäche für den Führer und seinen Pomp hatten. Ältere Dorfbewohner erinnern sich noch an etliche NS-Fahrzeuge im Fuhrpark, unter anderem ist von einem Mercedes Benz 540K Cabriolet die Rede, dem Göring-Mercedes, von dem weniger als 200 Exemplare gebaut wurden. Ein Verwandter über drei Ecken erzählt zudem von einem (früheren?) Haus der Wolfs am Chiemsee, aus Steinen erbaut, die ursprünglich für eine große Reichskanzlei auf dem Nürnberger Marsfeld gedacht waren.

Wie schwer das heutige Vermögen von Rainer Willi Wolf und seiner Familie tatsächlich ist, ist kaum zu schätzen. Die Spekulationen in Bad Dürkheim beginnen mit einem Millionenbetrag im höheren dreistelligen Bereich, reichen aber auch über die Milliardengrenze hinaus. Ob es sich neben seriöser Lebensleistung im Beruf auch aus zumindest moralisch anrüchigem Handel mit teilweise tonnen- und millionenschwerem Nazinachlass speist, untersucht die Staatsanwalt gerade.

 

Wolfs Anwalt bezeichnet seinen Mandanten als den Eigentümer der bei ihm wiederentdeckten NS-Kunstgegenstände. Sie seien vor mehr als 25 Jahren von der russischen Armee und den früheren Herstellern rechtmäßig erworben worden, so der Anwalt. Die Familie Breker hat der RHEINPFALZ gegenüber ausgesagt, dass sie zwar an Wolf verkauft hat, aber keines der bei ihm entdeckten Werke. Und schwer vorstellbar, dass die Sowjets ihm dafür eine Quittung ausgestellt haben.

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Rainer Wolf aus Bad Dürkheim (Pfalz) ist ein stadtbekannter Holocaustleugner und einschlägiger Rassist, dem vor einigen Jahren sogar manche Kandidaten der DVU und der NPD "zu brav und menschlich" waren. Er ist Leiter folgender Firma: Dora Projektentwicklungs- und -betreuungs GmbH & Co. OHG, Im Bruch 48, 67098 Bad Dürkheim, Tel. 06322/954511. Auch alte Nazis haben Namen und Adressen...