Tatort Sebnitzer Busbahnhof

Erstveröffentlicht: 
14.10.2016

Im Fall der in Sebnitz bedrohten Flüchtlingskinder werden weitere Details bekannt. Es gibt Zeugen für rechte Parolen.

Von Dirk Schulze

 

Sebnitz. Sie kamen vom Fußballtraining. Drei Brüder im Alter von fünf, acht und elf Jahren, geboren in Syrien, wohnhaft in Sebnitz. Am Sebnitzer Busbahnhof stiegen sie kurz vor 19 Uhr aus dem Bus und machten sich über die Schillerstraße auf den Weg nach Hause. Dabei liefen sie einer Gruppe deutscher Jugendlicher über den Weg. Die griffen die Kinder an. Es gab Schläge, einer der Jugendlichen soll mit einem Messer gedroht haben.

 

Eine Woche nach dem Übergriff vom 6. Oktober, der Sebnitz nach den Pöbeleien beim Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck erneut bundesweit in die Schlagzeilen brachte, werden weitere Details bekannt. Die Polizei wurde demnach zunächst aufgrund rechter Parolen alarmiert, wie Polizeisprecher Marko Laske auf Nachfrage der SZ erklärt. „Eine Fußgängerin hat die rechten Parolen gehört“, sagt Laske.

 

Eine Streife fuhr daraufhin zum Busbahnhof, stieß dort auf eine Gruppe Jugendlicher und nahm ihre Personalien auf. Nach SZ-Informationen sollen sie „Sieg Heil“ gerufen haben.

 

Kurz darauf verständigte der Vater der zwischenzeitlich zu Hause angekommenen syrischen Kinder die Polizei. Eine zweite Streife fuhr zur Wohnung der Familie und befragte die Kinder. Schnell war den Ermittlern klar, dass beide Sachen zusammenhängen.

 

Im Laufe des Wochenendes erhärtete sich der Verdacht gegen die deutschen Jugendlichen. Das ist das Ergebnis von Vernehmungen und Befragungen durch Beamte des Staatsschutzes, einer auf politisch motivierte Kriminalität spezialisierte Abteilung der Kriminalpolizei in Dresden. Bei den Tatverdächtigen handelt es sich um vier männliche Jugendliche im Alter von 14, 16, 19 und 20 Jahren sowie ein 16-jähriges Mädchen. Vier von ihnen stammen aus Sebnitz, einer aus Neustadt. Der 14-Jährige agierte nach Angaben der Polizei offenbar als Haupttäter. Er steht im Verdacht, die syrischen Jungen mit einem Messer bedroht und geschlagen zu haben. Ermittelt wird wegen gefährlicher Körperverletzung, des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Beleidigung.

 

Während die Meldung weithin für Empörung sorgte, wird das Geschehen in Kommentaren auf Facebook teilweise angezweifelt. „Woher wissen syrische Kinder, was rechte Parolen sind?“, lautet eine der Fragen. „Die betroffenen Kinder können teils bereits Deutsch, gehen hier auch zur Schule“, erklärt Polizeisprecher Marko Laske. Sie seien also durchaus in der Lage zu verstehen, was zu ihnen gesagt wird, gerade der Älteste. 

 

Vernehmung bestätigt Vorwürfe

 

Hinzu kommt, dass Zeugen die rechten Parolen gehört haben, deswegen wurde die Polizei auch zuerst gerufen. Und: Auch bei der Vernehmung der Beschuldigten habe sich der Vorwurf bestätigt, erklärt Laske. Die Hinweise kommen also von drei Seiten.

 

Andere Kommentatoren, teils mit eindeutig rechtsextremen Seiten in ihrer Gefällt-mir-Liste, suchen die Schuld direkt bei den Opfern. Eine Gruppe von Flüchtlingskindern habe die Stadt „tyrannisiert“, wird da behauptet. Unter anderem teilen Nutzer eine Meldung der Sächsischen Zeitung. Der damals 14-jährige Sohn einer syrischen Flüchtlingsfamilie hatte Ende April in Sebnitz drei Mädchen im Alter zwischen elf und 13 Jahren mit einem Gegenstand verletzt. Die Polizei ermittelte daraufhin wegen Körperverletzung, dann ging der Fall an die Staatsanwaltschaft. Die jetzigen Opfer seien die Brüder des damaligen Täters, wird behauptet, nun hätten sie eben „einen Dämpfer“ erhalten.

 

Das ist so nicht korrekt. Die syrischen Kinder, die jetzt überfallen wurden, stammen aus einer anderen Familie als der Jugendliche, der damals die Mädchen verletzte. „Die Familien sind nicht identisch“, erklärt die Stadtverwaltung Sebnitz auf Nachfrage.

 

Der aktuelle Angriff ist nicht der erste Übergriff, der in Sebnitz bekannt wird. Ende Oktober 2015 attackierten vier junge Männer ein Haus, in dem Flüchtlinge lebten. Die Haustür wurde eingetreten, eine Scheibe eingeworfen. Die Flüchtlinge waren jedoch nicht im Haus. Der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft. Ostern 2016 flogen nachts Steine auf ein von Flüchtlingen bewohntes Haus in der Langen Straße. Die Scherben des eingeworfenen Fensters landeten auf dem Bett eines vierjährigen Kindes. Diesen Fall untersucht das Operative Abwehrzentrum. Die Ermittlungen dauern noch an, erklärt eine Sprecherin.