Waiblingen - Der braune Sumpf: Innenansichten

Waiblingen. Ein paar Verwirrte, Versprengte? Von wegen. Die Neonazi-Szene ist gut vernetzt – und viele Fäden spannen sich durch den Rems-Murr-Kreis. Diese Tradition reicht zurück bis Anfang der 90er-Jahre. Eine Geschichte über Konzerte, Kontakte, Verquickungen.

Blut und Ehre, oder: Deutsch-Britische Freundschaft

 

Eine Urszene des rechtsradikalen Musik-Unwesens in Deutschland: Am 10. Juli 1993 spielen Ian Stuart und seine Gruppe Skrewdriver vor etwa 400 Zuhörern bei einem „musikalischen Grillfest“, veranstaltet von den „Kreuzrittern für Deutschland“.

Ian Stuart ist nicht irgendwer in der Rechtsrock-Szene, er ist ihr Urvater, ihr Vordenker, ihre internationale Galionsfigur, einflussreich nicht nur als Musiker, sondern auch als Strippenzieher: In den 80er-Jahren hat er „Blood & Honour“ gegründet, ein Netzwerk zum Vertrieb von Tonträgern, zur organisatorischen Verknüpfung von Neonazi-Bands, zur Propagierung der extrem rechten Ideologie.

Stuarts Auftritt am 10. Juli 1993 ist der letzte seines Lebens: Zwei Monate später wird er bei einem Autounfall sterben. Jenes legendäre Konzert aber findet statt in: Waiblingen. Auf dem Grillplatz Lämmle nahe der Wasserstubensiedlung.

Wie um Himmels Willen kommt solch eine Schlüsselfigur des Rechtsrocks ins Remstal? Die Antwort ist wohl im Umfeld der deutschen Stuart-Jünger von der Gruppe Noie Werte zu suchen. Nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums „Kraft für Deutschland“ 1990 haben sie mehrere Konzerte mit Skrewdriver gespielt, ein reger Kontakt zu Blood & Honour ist entstanden. Die Musiker der Noien Werte aber kommen aus dem Großraum Stuttgart; zu den Mitgliedern gehörte seit 1989 auch Oliver H., der heute in Althütte lebt und Betriebsrat beim Daimler in Untertürkheim ist.

 

Kreuzritter - Weitreichende Verbindungen

Aber zurück zum Ian-Stuart-Auftritt vom 10. Juli 1993 in Waiblingen: Spätestens seit damals hat die rechtsextreme Szene im Rems-Murr-Kreis ein lokales Standbein; und Anschluss an die Welt. Aber die personellen Verknüpfungen sind noch schwindelerregender.

Die „Kreuzritter für Deutschland“, die das Waiblinger Stuart-Konzert 1993 organisierten, waren eine kurzlebige Formation. Sie lösten sich 1994 auf. Aber einer, der damals im Kreuzritter-Umfeld aktiv war, ist dieser Tage wird in den Blickpunkt der medialen Öffentlichkeit gerückt worden: der Jurist Alexander H., der auch schon als Sänger und Bassist der mit einem kurzen Draht zur B&H-Bewegung ausgestatteten G.B.F.-Records-Band Ultima Ratio auftrat. Alexander H. ist heute Anwalt – und Partner in der Kanzlei von Steffen Hammer, dem ehemaligen Frontmann der 2010 aufgelösten Noien Werte.

In einer Zweigstelle der Kanzlei ist Nicole Schneiders tätig: Sie hat die Verteidigung von Ralf Wohlleben übernommen, der wegen seiner Unterstützung der Zwickauer Terrorzelle, sprich des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), in U-Haft sitzt. Wohlleben war früher einmal NPD-Kreisvorsitzender in Jena, seine heutige Anwältin seinerzeit seine Stellvertreterin.

Die Kreuzritter für Deutschland, Blood & Honour, die Noien Werte, die NPD, die Kanzlei – immer wieder personelle Kontinuitäten, Zusammenhänge, Verbindungslinien. Und nun kamen jüngst auch noch wahrscheinliche Verstrickungen des militanten Netzwerks der „Hammerskin Nation“ mit dem NSU ans Tageslicht.

 

Brandstifter - Geplatzte Party in Plüderhausen

Ermittler prüfen gerade, jetzt Ende 2011, mögliche Verbindungen des Ludwigshafener Neonazis Malte R. (35), einem der deutschen Köpfe der rechtsradikalen „Hammerskin Nation“, zur Zwickauer Zelle und dem NPD-Funktionär Ralf Wohlleben.

Und: Malte R. ist wiederum auch im Rems-Murr-Kreis kein Unbekannter. Im Dezember 2009 war er Party-Gast eines rechtsradikalen Stelldicheins im Plüderhäuser Tennisheim, das allerdings von der Polizei „ausgehoben“ wurde. Für Malte R. hatte die geplatzte Party ein Nachspiel vor dem Amtsgericht Schorndorf wegen Volksverhetzung, und zwar jüngst, Ende November 2011 (wir berichteten). Die Verantwortlichen des Tennisclubs, die hin und wieder für Abendgesellschaften, Geburtstags- oder Hochzeitsfeiern ihr Vereinsheim vermieten, hatten nichts von dem rechtsradikalen Charakter der Party gewusst. Als die Neonazis von ihrem hochkonspirativen Treffpunkt, dem Urbacher McDonalds, anrückten und die Polizei auch noch kam, machte der Schlüsselwart von seinem Hausrecht Gebrauch und widerrief die Nutzungsvereinbarung. Die Party war also geplatzt.

Bei anschließenden Personenkontrollen vor Ort stieß die Polizei dann eben auf Malte R., einen „einschlägig szenebekannten Händler rechtsradikaler Musik“ wie es vor dem Amtsgericht Schorndorf hieß. Malte R. hatte zig CDs der rüdesten Art dabei. In dem rechtsradikalen Liedungut ist da zum Beispiel von der „gelben Flut“ die Rede, der „asiatischen Invasion“, da helfe nur „eine verdammte Kugel zwischen ihre schrägen Augen“ oder „Hiroshima Teil 2“. Malte R. räumte die Vorwürfe der Volksverhetzung ein und bekam im Gegenzug 90 Tagessätze zu je 25 Euro aufgebrummt.